Temu-Prinzip in der Schmelz- und Recyclingindustrie

Lässt sich das Temu-Prinzip für den Zukauf von Verschleißteilen in der Schmelz- und Recyclingindustrie anwenden?

23.09.2026

Günstiger Stahl aus dem außereuropäischen Ausland überschwemmt den deutschen und europäischen Markt. Die Mühlen im politischen Berlin mahlen zu langsam, als dass sie regulatorisch wirksam eingreifen könnten. Da steigt der Druck aus der Konzernzentrale automatisch. Wenn die Einkommensseite schrumpf hilft kurzfristig nur eines: Ausgaben senken! Sonst hält man im internationalen Wettbewerb nicht mit.

Da klingt das Angebot für den neuen, wassergekühlten Pfannenofendeckel in der Sekundärmetallurgie durch einen neuen Lieferanten aus dem außereuropäischen Ausland doch verlockend. Der Fertigungsbetrieb verlangt nur die Hälfte des Preises, den der deutsche Wettbewerber aufruft. Dabei bieten beide genau nach Zeichnung an. Auch die anzuwendende Norm wird richtig zitiert. Haben die sich etwa verkalkuliert? Eine schnelle Recherche im Internet und ein Anruf bei einem befreundeten Einkäufer eines anderen Werkes machen Hoffnung. Der Betrieb scheint Erfahrung mit derartigen Konstruktionen zu haben. In zahlreichen Hochglanzfotos werden auch andere Schweißbauteile in Rohrkonstruktion gezeigt. Wieso also nicht beauftragen?

An der Frage kommt in diesen Zeiten sicherlich niemand vorbei, der sich in Deutschland und Europa mit dem Zukauf großer Anlagen und Apparate zur Stahlherstellung beschäftigt. Und sie ist durchaus berechtigt (wenn man die Doppelmoral an der Stelle mal ausklammert). Im privaten Bereich sind Unternehmen wie Temu oder Shein mit einem ähnlichen Konzept immerhin auch erfolgreich. Kopierte Produkte zu günstigen Preisen. Und nicht alles, was auf den Plattformen angeboten wird, ist qualitativ schlechter als das, was die großen Marken bieten. Auch optisch sind die kopierten Produkte von den Originalen kaum mehr zu unterscheiden. Und falls doch etwas mal nicht der Vorstellung entspricht, hält sich der Verlust bei den niedrigen Preisen in Grenzen. Also warum nicht auch einen Pfannenofendeckel günstig zukaufen?

Ein zu betrachtender Faktor ist die Qualität. Doch was bedeutet Qualität und in welchem Maße ist sie notwendig?

Die Antwort auf diese Frage ist sicherlich fallspezifisch und hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Ein zu betrachtender Faktor ist die Qualität. Doch was bedeutet Qualität und in welchem Maße ist sie notwendig?

Qualität im Zusammenhang mit Schweißkonstruktionen zeigt sich in vielen Details. Ein entschiedenes Detail sind dabei natürlich die Schweißnähte selbst. Die Grundlage für poren- und fehlerfreie Nähte bildet dabei zunächst einmal die betriebsinterne Anleitung und Überwachung in Form eines Schweißfachingenieurs. Er orchestriert Verfahrensprüfungen, Arbeitsproben, Maschinenpark, Schweißprüfungen und Schweißer und stellt die Qualität der Schweißarbeiten im Betrieb sicher. So können Fehler zwar nicht zu 100 Prozent vermieden, jedoch auf ein absolutes Minimum reduziert werden. Um die schweißtechnische Arbeit eines Betriebs einwandfrei beurteilen zu können, sollte man sich jedoch nicht auf Zertifikate oder Fotos allein verlassen, sondern sich regelmäßig selbst ein Urteil in der jeweiligen Werkstatt vor Ort bilden. Nur auf diese Weise wird man feststellen, ob dokumentierte Vorgehensweisen durch die Schweißer in der Werkstatt eingehalten werden beziehungsweise ob die versprochene Dokumentation überhaupt vorhanden ist. Weitere Qualitätsmerkmale, wie die Maßhaltigkeit und Passgenauigkeit der Konstruktionen (u.v.m.), sind selbstverständlich ebenfalls zu bewerten.

Gefaren einer zu geringen Qualität

Daran schließt sich die zweite Frage an: ist eine hohe Qualität überhaupt notwendig? Auch hier lautet die Antwort: Das hängt von den Rahmenbedingungen ab. Sind die Anforderungen an Betriebs- und Arbeitssicherheit, die allgemeinen technischen Standards sowie an die Anlagenverfügbarkeit hoch, wie es in Deutschland und Europa in der Regel der Fall ist, sollte der Fokus eher auf einer hohen Qualität liegen. Andernfalls gerät das eingespielte System aus Produktion und Instandhaltung schnell aus der Balance. Das führt in vielen Fällen zu ungeplanten Produktionsausfällen und verursacht Kosten.

Neben der Qualität ist die Weiterentwicklung der Bauteile, Anlagen und Prozesse im Brownfield ein wichtiger Faktor. Hier ist zu unterscheiden zwischen dem Zukauf bei einem reinem Fertigungs- oder bei einem spezialisierten EPC-Betrieb. Für einzelne, einfache Standard-Bauteile nach bestehender Zeichnung kann eine günstige Lohnfertigung nach Zeichnung unter Umständen sinnvoll sein. Vernachlässigt man bei zentralen, betriebskritischen Aggregaten jedoch die regelmäßige Überprüfung des Zeichnungsmaterials und die Engineering-technische Weiterentwicklung durch ein EPC-Unternehmen, verpasst man mittelfristig den Anschluss an den Stand der Technik.

Risiken im Falle eines Bauteil-Defektes

Last but not least sollte man sich die Frage stellen, wie im Falle eines Defekts mit dem Bauteil verfahren wird. Reparatur auf eigene Kosten? Und mit eigenem Personal? Sofern diese Flexibilität vorhanden ist, lässt sich der Schaden eines Fehlkaufs unter Umständen minimieren. In Zeiten des demografischen Wandels und geringer Personalverfügbarkeit ist diese Strategie jedoch nicht mehr für jedes Werk geeignet. Daher ist beim Zukauf darauf zu achten, wie der jeweilige Lieferant in puncto Service- und Montageleistungen aufgestellt ist. Gibt es einen „After-Sales-Service“, also eine Kundenbetreuung nach dem Kauf? Was passiert im Falle einer Reklamation? Wie schnell ist das betreuende Unternehmen vor Ort um den Schaden auszubessern? Diese und weitere Punkte sollten tunlichst im Vorfeld geklärt werden, um längere Produktionsausfälle zu minimieren.

Bei Bestellungen auf Temu lassen sich die gestellten Fragen leicht beantworten. Mit etwas Zeit und Glück findet sich ein Lieferant, der tatsächlich mit hoher Qualität liefert. Falls nicht, ist die Fallhöhe gering – wegwerfen, neu kaufen (auch hier wird auf die moralische Komponente der Einfachheit halber nicht weiter eingegangen). Der Verlust hält sich in Grenzen. Da es sich bei den Produkten auf Temu um Massenware handelt, die sich rasant verändert, hat sich auch das Thema Weiterentwicklung automatisch erledigt. Service ist da ohnehin nicht notwendig.

MAde in Germany immer noch das effizienteste Szenario

Im Falle regelmäßig verschleißender Apparate- und Anlagenteile in der Schmelz- und Recyclingindustrie muss jedes Werk für sich selbst die oben gestellten Fragen beantworten. Inwieweit der Zukauf überwachungsintensiver Bauteile in Stückzahl 1 für produktionskritische Anlagen in der hochentwickelten deutschen und europäischen Schmelz- und Recyclingindustrie bei außereuropäischen Fertigungsunternehmen ohne eigenes Engineering und Service auch kurzfristig wirtschaftlich sinnvoll ist, sollte in jedem Fall nicht leichtfertig und mit einer sorgsamen Risikoabschätzung entschieden werden.

Für uns als KSK System Kühl Technik stellt sich die Frage nach einem günstigen Zukauf vor dem Hintergrund weiter steigender Löhne und Gehälter ganz grundsätzlich im Übrigen auch. Mit dem von uns verfolgten Engineering- und Service-Konzept lässt sich jedoch eine Fertigungsüberwachung außerhalb unserer Werkstätten in der notwendigen Tiefe und Regelmäßigkeit nicht qualitätsgetreu und wirtschaftlich abbilden. Ebenso wenig wie die Nacharbeitung eines potentiellen Fertigungsfehlers. Aus diesem Grund fertigen wir alle wassergekühlten Bauteile nach wie vor und auch zukünftig in Brandenburg an der Havel und Haltern am See.

Weitere Einträge

Für Azubis der Metalltechnik: Beste Perspektiven!

Schweißtechnik als fester Bestandteil unserer Ausbildung

28.08.2026